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>>> Vernissage am Sonntag, 26.08.2012 um 17.00 Uhr,  DIE LINDE in in Affstätt 

 

29.08.2012

Rehabilitation des Menschen

via Akt und Porträt

Affstätt: Vielschichtige Doppelwerkschau jenseits eines bestimmten und eingeschränkten Kunstkanons 


Rita Sigert-Krauss (links) und Rut Lörz zeigen ihre Kunstwerke in der Affstätter "Linde"

Alles andere als einem bestimmten Material oder Stil verfallen, sind die beiden Malerinnen Rut Lörz und Rita Sigert-Krauss vielmehr passionierte Experimentiererinnen. In künstlerischer Alchemistenmanier steht dem Klassiker Acryl gleichberechtigt Asche, Bitumen, Sand, Spachtelmasse, Zeitungspapier, mit Terpentin verdünnte reine Pigmente und einiges mehr aus der materiellen Schatztruhe zur kreativen Seite. So ist das Leitmotto der Werkschau "Vielschichtig" im Affstätter Restaurant "Linde" alles, nur kein leeres Versprechen.

Rüdiger Schwarz

Dass die beiden Malerinnen Rut Lörz und Rita Sigert-Krauss in der Affstätter "Linde" eine Doppelausstellung bestreiten, ist kein Zufall, auch wenn sich ihre Malerei im kreativen Prozess dem Zufallsprinzip gegenüber als grundsätzlich offen erweist. Die Jettingerin Lörz und die Oberschwandorferin Sigert-Krauss lernten sich vor zehn Jahren bei einer Malwerkstatt kennen. Mit zwei anderen Künstlerinnen ist fast eine Art Künstlerkolonie in Rita Sigert-Krauss Heimatort gewachsen. Im weitläufigen Raum einer Schreinerei, der ein ideales Atelier hergibt, trifft sich das Quartett regelmäßig. Allen ist gemein, dass "wir uns immer intensiver sowie leidenschaftlicher mit Kunst beschäftigt und auseinandergesetzt haben", fasst Sigert-Krauss die alle vier verbindende Passion in Worte. So in spirieren sich die Künstlerinnen gegenseitig und teilen ihre Freude am malerischen Experiment. "Wir halten zusammen Reflexion, besprechen unsere Arbeiten und entwickeln uns so mit- und übereinander weiter", beschreibt Lörz die konstruktive Atmosphäre.

Technik der Schichtenmalerei

Da das kleine Künstlerkollektiv die Technik der Schichtenmalerei pflegt, bei der bis zu 15 Schichten sich überlappen, hat es auch eine korrektive Funktion. "Natürlich besteht bei dieser Technik die Gefahr, ein Bild kaputt und tot zu malen", weiß Sigert-Krauss. Droht dies, fällt auch schon mal die Aufforderung: "Jetzt lass die Finger davon", zeigt sich Lörz dankbar. Die Jettingerin, die nach der Fertigstellung von Untergrund und Struktur nie weiß, wie sich ihre Bilder weiterentwickeln, kümmert sich in den eigenen vier Wänden um die Feinarbeiten am entstehenden Werk. Beide Malerinnen teilen die künstlerischen Pfade, durch die sie ihre Kreativität in Kopf und Herz freisetzen. Viele Volkshochschulkurse und Wochenendseminare bei freischaffenden Künstlern pflastern ihren bisherigen Schaffensweg. So konnten Techniken verfeinert und verbessert werden. Jede der beiden malt mittlerweile unter einem ganz individuellen Leitmotto, das aber nicht paradigmatisch einengt, sondern vielmehr den Raum für Freiheit sowie Experiment weit offen lässt. Rita Sigert-Krauss gibt ihren Schaffensprozess "Versuch und Entwicklung" anheim. Rut Lörz hat trotz vielfältiger Technik ihr darstellendes Genre in "Menschen und andere Tiere" gefunden.

Abseits jeglicher Doktrin experimentieren die beiden Malerinnen Rut Lörz und Rita Sigert-Krauss über ihre Akte und Porträts auf dem weiten Feld der künstlerischen Strömungen, die im 20. Jahrhundert den Körper und das Figurale zu ihrem zentralen Sujet gemacht haben. Eine Gegenbewegung zur inflationär gewordenen rein abstrakten Malerei und der gesellschaftlichen Nivellierung des Körpers durch den Industrialisierungs- sowie Rationalisierungsprozess. Kunst, die sich für den Menschen an sich, sein individuelles Fühlen sowie Erleben interessiert.

Bei Rita Sigert-Krauss Frauenakten vermeint der Betrachter dank Mischtechnik und Schichtenmalerei unter die Haut sehen zu können. Rippen, Muskel- und Nervenfaserbündel scheinen auf, der Dynamik sowie Anspannung der Lage des Körpers verpflichtet. So zeigen sich je nach Stellung ganz eigene Strukturen, um sich aber zugleich durch ab strakte Stilisierung zu entziehen. Trotz der mal massiv-spröden und fast metallurgischen Darstellung oder der mal in farb lichtverspielter sowie vital warme Braun- und Gelbtöne bevorzugenden Manier changieren diese Akte zwischen einem sich Zeigen und Entziehen. Der nackte Körper bleibt somit seinem Wesen nach Geheimnis und seine Sinnlichkeit magisch.

Die Porträts von Rut Lörz geben sich mal mit liebevollem ironischem Augenzwinkern, mal somnambul-lyrisch zu erkennen. So wirft sie über zwei in die Jahre gekommene Frauen einen humoresken Blick auch auf das eigene Altern. Karikaturistisch und zugleich poetisch zeigen sich über eine pointierte Mimik die fleischgewordenen Charaktereigenschaften. Und im aschfarbig-zarten Porträt einer jungen Frau vermeint man einer urbanen und zerbrechlichen Bohemienne gegenüberzustehen - von einem Hauch Mascha Kaleko und Holy Goolightly angeweht.

 

GB-Foto: Holom